Eindrücke der Reise 2020

Reisebericht

Gemeinsam traten über 800 junge Menschen die Reise der Erinnerung an. Am Brenner trafen sich Jugendliche aus dem Trentino, aus Nordtirol und vielen Teilen Italiens. Unter ihnen auch 165 Jugendliche aus Südtirol, die gemeinsam mit ihren Tutor*innen am Projekt Promemoria_Auschwitz teilnahmen. In Südtirol wurden die jungen Menschen von den Landesräten Achammer und Vettorato und den verschiedenen Partner des Projektes verabschiedet.

Gemeinsam lassen sich die junge Menschen auf diese besondere Reise ein und werden in den nächsten Tagen das Oskar-Schindler-Museums, das jüdische Viertel und das ehemalige jüdische Ghetto besichtigen. Die Treffen, welche vor der Reise stattfanden, dienten auch der Vorbereitung auf den Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, dem größten Friedhof der Welt, welcher auf dem Programm steht. Warum dieses Bildungsprojekt, welches von der Arbeitsgemeinschaft der Jugenddienste, Arciragazzi und Deina gemeinsam in Südtirol organisiert wird? Weil es wichtig ist zu erinnern. Weil es wichtig ist, Zeichen zu setzen. Es ist aber auch gleichzeitig wichtig, wachsam zu sein und sich für Menschlichkeit, Freiheit, Demokratie und Respekt einzusetzen und einzustehen.

Der Zug nähert sich langsam Krakau, Schritt für Schritt nähern sich die jungen Menschen auch der Geschichte: bereits im Zug setzen sie sich mittels verschiedener Aufgaben mit dem Thema auseinander, gemeinsam erkunden die Teilnehmer*innen die Stadt und bereiten sich auf die nächsten Tage vor.

Krakau, 6. Februar 2020

Viele junge Menschen schwirren durch Krakau, erkunden die Stadt, sprechen und lachen miteinander. Die Gesichter der Jugendlichen aus Südtirol, Nordtirol, dem Trentino, aus Sardinien, aus der Toskana werden ernst, als bei der Stadtführung durch das ehemalige jüdische Ghetto und das jüdische Viertel Kazimierz über die elenden Zustände, die Deportationen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gesprochen und Unmenschlichkeit besprochen wird. Einige junge Menschen ziehen Parallelen zu heute, sprechen darüber, wie wichtig es ist Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung mutig entgegen zu treten. Scheinbar leere Stühle sind ein Mahnmal auf dem Platz der Ghettohelden und das Mahnmal mit den leeren Stühlen symbolisiert die Tragödie der Ghettobewohner, von denen nur ihre Möbel übrig geblieben sind. Gleichzeitig zeigt die Apotheke von Tadeusz Pankiewicz, dem einzigen nichtjüdischen Bewohner des Ghettos, dass es auch Menschen gab, die dagegengehalten haben. Der Apotheker wurde für seinen Einsatz und die Hilfe bei der Rettung der jüdischen Bevölkerung mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Auch der Besuch der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler und die multimediale Ausstellung, die sich mit Krakau unter der Nazi-Herrschaft beschäftigt, lässt die Teilnehmenden betroffen zurück. „Nun wird mir klar, warum es wichtig ist das Gehörte, das Erlebte und die Vergangenheit weiterzutragen, um damit jegliche Art von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.“, so eine Teilnehmerin. Am Abend findet die Theateraufführung „La Scelta“ für alle Teilnehmenden statt, diese erzählte Geschichten über Zivilcourage und über den Mut zu wählen. Der nächste Tag wird der Emotionalste der Reise sein: die Besichtigung der Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau stehen am Programm. 

Krakau, 7. Februar 2020

Der heutige Tag beginnt sehr früh. Irgendwie scheint es ruhiger zu sein, kaum jemand spricht im Bus. Nach einer Stunde Busfahrt erreichen wir das Stammlager Auschwitz l, welches seit 1947 zu besichtigen ist. Irgendwie scheint es ein Ausflug ins Grauen zu sein. Im ersten Raum von Block 4 hängt eine Europakarte, darauf die Orte, aus denen die Menschen nach Auschwitz gebracht wurden. Auch Bozen steht darauf. Auschwitz scheint nun noch näher zu sein. Dann stehen wir vor einem Berg aus Haaren, die den Gefangenen abgeschnitten worden sind. Wir verlassen den Block mit den persönlichen Gegenständen: Koffer, Kinderkleider, Brillen, Schuhe und vieles mehr. Ein Mädchen verrät mir, dass sie die Brillen besonders mitgenommen haben. Sie ist selbst Brillenträgerin.

Mein Kopf ist voll und leer zugleich. Es tut gut in den Arm genommen zu werden. Dann verlassen wir das Stammlager, der Nachmittag war dem Besuch des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ll/Birkenau gewidmet, welches nur einige Kilometer von Auschwitz l entfernt ist. Der Konzentrationskomplex Auschwitz-Birkenau umfasste ca. weitere 40 Nebenlager. Das Eingangstor von Birkenau, durch das damals die Züge kamen, lässt uns innehalten. Wir kennen es aus Filmen, Büchern, die Weite erschreckt mich. Es ist kein Ende in Sicht. Der Tag geht langsam zu Ende, es war für die meisten eine große Herausforderung. Auch Landeshauptmann Kompatscher hat gemeinsam mit den Teilnehmenden die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau besichtigt. Irgendwie scheint es für alle schwer die richtigen Worte zu finden.

Krakau, 8. Februar 2020

Die Zeit vergeht zum einen rasend schnell, und doch fühlen sich dann wiederum Minuten wie Stunden an. Der vorletzte Tag ist angebrochen, in den Gruppen sprechen die Teilnehmenden über das Erlebte der letzten Tage. In kleineren Gruppen bringen sie ihre Gedanken und Gefühle zum Ausdruck, sprechen über das Zitat von Primo Levi „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“ Was heißt das für uns? Die Gespräche in der Gruppe sind hilfreich, helfen die Gefühle und Gedanken besser einzuordnen.

Am Nachmittag findet im Auditorium Maximum der Universität der gemeinsame Abschluss statt. Über 800 junge Menschen treffen sich und tauschen sich über Fragen der Macht, Gewalt und Moral aus. Es soll helfen den Bogen von der Vergangenheit in das Hier und das Heute zu spannen und die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen, stärken.
Der gemeinsame Abend zeigt nochmal, dass wir die Reise gemeinsam angetreten haben und auch gemeinsam zurückkehren, mit einem Koffer voller neuer Gefühle, Erfahrungen, Freundschaften, Gedanken.

Krakau, 9. Februar 2020

Am letzten Tag der Reise der Erinnerung lassen die Teilnehmenden ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf. Es wurden verschiedenste Gedanken angesprochen. Oft wurde die Unverständlichkeit für den Holocaust angesprochen, vor allem weil es sich um eine systematische und organisierte Massenermordung handelte. Wie sollen wir uns verhalten, was können wir tun? Wie hätten wir uns verhalten? Wären wir Teil der schweigenden Mehrheit gewesen oder wären wir uns erhoben und wären für Gerechtigkeit eingestanden. Wir wissen es nicht. Es wurden öfters Brücken in die Gegenwart geschlagen, v.a. mit den verschiedenen politischen Situationen in Europa und in der Welt, der Flüchtlingssituation, dem aufkeimenden Antisemitismus und Rassismus. Themen wie Gewalt bzw. Gewaltfreiheit und Meinungsfreiheit wurden angesprochen. Es ist wichtig über Gefühle und Erfahrungen zu sprechen. Am Ende überwiegt die Hoffnung, dass wir uns gemeinsam für ein friedvolles Zusammenleben einsetzen können, gegen Diskriminierung und für Demokratie und Respekt stehen.

Ein paar Eindrücke der Jugendlichen

Elias (20 Jahre, Passeier)
Wir haben gerade das Stammlager in Auschwitz angesehen und es ist sehr schockierend, was die Personen mitgemacht haben, wieviele durchgegangen sind. Welche Artefakten sie zurück gelassen haben: Koffer, Schuhe, Haare. Alles ist ihnen genommen worden. Sie sind verschwunden samt ihren Geschichten und ihren Leben. Es ist für mich schwer vorstellbar was diese Personen durchgemacht haben. Ich kann es mir nur annähernd vorstellen, was diese Personen durchgemacht haben, und dies ist wahrscheinlich nur ein kleiner Bruchteil von dem, was wirklich passiert ist. Es ist einfach sehr schwer vorstellbar, was Menschen anderen Menschen antun können und welche Ausmaße dies annehmen kann.

Anna (Meran)
Wir waren gerade in Auschwitz. Es war für mich sehr bewegen dort zu stehen. Jeder weiß was dort passiert ist, aber es ist nochmal anders dies selbst zu sehen. Für mich hat sich die ganze Zeit die Frage gestellt, wie so etwas passieren konnte.

Jasmin, 17 Jahre
Heute waren wir in der Schindler-Fabrik. Die Führung dort war sehr interessant, denn man hat einen neuen Einblick bekommen in die Geschichte und das Geschehene. Es war brutal zu sehen, wie die Juden damals behandelt wurden. Die anschließende Führung in Krakau war auch sehr interessant, besonders das alles in echt zu sehen, z. B. die Synagoge, das jüdische Viertel und wie es früher wirklich war. Wirklich eine top Sache.
 
Anna, 23 Jahre
Wir waren heute im Museum der Schindler-Fabrik. Ich war sehr positiv überrascht vom Museum, es war schön kreativ ausgearbeitet, viele Sachen konnten interaktiv gemacht werden, die Führung war auch super. Danach haben wir noch in der Stadt das jüdische Viertel und das Ghetto angeschaut.  Das war schön zu sehen. Was ich sehr interessant gefunden habe, ist, dass die Person von Schindler sehr kontrovers diskutiert worden ist und neue Perspektiven aufgezeigt wurden.
 
Max, 18 Jahre
Ich bin froh, dass wir heute die Führung durch Schindlers Fabrik genießen konnten, denn es war wirklich ein tolles Erlebnis - alles in Wirklichkeit zu sehen, wo sich das alles abgespielt hat. Da ich auch den Film schon gesehen habe, konnte ich mir schon alles recht gut vorstellen. Aber jetzt hab ich die Realität hautnah miterlebt, was damals passiert ist: das über 1000 Juden gerettet wurden und es gut ist, daran zu erinnern. Bei der Führung wurde alles gut erklärt und sie hat uns einfach ein gutes Bild gegeben, von dem, was damals passiert ist. Dann sind wir auch noch durchs Judenviertel und durchs Judenghetto und man hat die Stimmung miterlebt, natürlich lange nicht so, wie sie damals wirklich war. Es war ein tolles Erlebnis und ich bin froh, dass ich daran teilnehmen durfte.
 
Dominik, 22 Jahre
Mir hat die Führung im Museum der Schindler-Fabrik sehr gut gefallen. Besonders gut gefallen hat mir, dass man einen tiefen Einblick in die Geschichte bekommen hat und dass man viel von der Geschichte von Polen und der Stadt Krakau erfahren hat. Das ist in der Schule ja meistens nicht so der Fall. Dort lernt man meist nur die Sichtweise der Juden kennen, aber direkt ganz konkrete Beispiele vor Ort sieht man meistens nicht. Es war sehr interessant und sehr zum Weiterempfehlen.
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